Seriously, Selbstorganisation? Willst Du das wirklich einführen?


(für mutige Unternehmer*innen)



Grün, CO2 neutral, agil, inclusive, fair, woke. Das sind so die Begriffe, die man sich als Unternehmen heute am besten auf die eigene Homepage schreibt. Und, ach ja, Selbstorganisation. Wunderbar. Noch ein Wort, welches ich verwenden kann, um einen guten Eindruck bei meinen Mitarbeitenden und Kund*innen zu machen.


Allerdings: Wenn ich ein Kohlekraftwerk von außen mit biologisch abbaubarer, grüner, CO2 neutraler Farbe anstreichen lasse, wird aus dem Schmutzfink leider immer noch kein ökologisches Unternehmen.


Und genau so ist das mit der Selbstorganisation. Vielleicht sogar noch etwas komplizierter.

Meine ich es also wirklich ernst mit der Selbstorganisation?


Wie immer, wenn eine neue Sache entsteht und viele Gefallen daran finden, ist es erst einmal wichtig zu klären, ob wir überhaupt über das Gleiche sprechen. Was meinen wir denn eigentlich wenn wir über Selbstorganisation sprechen?

Was ich unter Selbstorganisation verstehe


Ich verstehe Selbstorganisation als Selbstermächtigung und Selbstwirksamkeit. Das bedeutet, ich weiß was ich kann, ich weiß was meine Aufgabe ist, und ich übernehme - und habe - volle Verantwortung für mein Handeln. Ich sehe, was gut läuft und feiere das. Ich sehe, was noch Verbesserungspotential hat und kommuniziere das und realisiere Ideen, die zu einer Lösung führen.


Ich bemerke, dass ich etwas bewirken kann. Ich vertraue in mein Können und in mein Umfeld, welches meine Selbstorganisation fördert und unterstützt. Mein Umfeld weiß, dass Menschen Fehler machen. Also auch ich, und mein Umfeld ebenso. Und wir wissen, dass diese Fehler wichtig sind, um zu lernen (und um Sachen zu entdecken, nach denen wir gar nicht gesucht haben, wie zum Beispiel Penicillin). All das tue ich im Bewusstsein meiner eigenen Trigger*. Ich projiziere weder mein eigenes Gefühl von Inkompetenz (kommt manchmal als Angeberei daher) noch meinen Wunsch nach Zugehörigkeit, Liebe oder Anerkennung auf andere oder auf Projekte.


Mir sind diese Wünsche dennoch bekannt. Ich werde mir Schritt für Schritt aller meiner Themen bewusst und arbeite daran. Ich pflege einen konfliktfreudigen Umgang mit mir selbst und anderen, um immer besser zu werden. Als Mensch und als Mitarbeiter*in. Ich bin mir bewusst, was mein Purpose ist, also was mir die Kraft gibt, morgens aufzustehen und ein (Arbeits-) Leben nach meinen Werten zu führen.

Das ist manchmal anstrengend. Nicht immer. Oft gibt es auch Unmengen von Energie, endlich ich selbst sein zu dürfen, Gehör zu finden und meine Talente und mein Wissen einzusetzen.


Und: Es ist absolut wichtig zu wissen, warum man diese (eigene) Entwicklungsarbeit auf sich nimmt. Als Unternehmensführung und als Mitarbeitende*r. Ein erster Schritt kann sein, herauszufinden, was mich selbst lebendig - also voller Energie - sein lässt. Was ist mein „Warum?“


Ein guter Gedanke dazu: Niemand ist jemals „fertig“ mit seiner Entwicklung. Selbstorganisation ist ein stetiger Wachstumsprozess, wie das Leben selbst. Wichtig ist nur, dass Du aufmerksam sein willst. Mit Dir, den anderen, Deiner Umwelt und Deinem Unternehmen.


Der Anfang


Wie alle Arbeit fängt auch Selbstorganisation bei Dir persönlich an. Auch als CEO. Auch als Geschäftsführung. Also schau doch mal: Was weißt Du schon über Dich? Was liegt noch im Dunkeln? Was bringt Dich immer wieder auf die Palme oder aus dem Konzept? Und was ist der (tiefere) Grund dafür? Möchtest Du da hinschauen? Wie gefällt Dir Deine aktuelle Rolle? Was beinhaltet diese Rolle? Was machst Du gerne? Was würdest Du gerne abgeben? Und an was würdest Du gerne zusätzlich arbeiten? Und natürlich auch: Was ist Dein „Warum“? Warum willst Du, dass Dein Unternehmen, Deine Mitarbeiter*innen und Du selbst selbstorganisiert sind? Was ist Dein Benefit, wenn Du Selbstorganisation in Deinem Unternehmen einführst?


Mein ungeduldiger Anteil versteht Unternehmer*innen wenn sie sagen:

"Wieso zum Teufel muss ich wissen, wie Selbstorganisation geht? Ich bin schon immer selbstorganisiert. Sonst wäre ich ja wohl nicht da, wo ich bin. Können die das nicht ohne mich einführen? Ich hab für so was keine Zeit.“


Nein, das können sie nicht.


Nicht von ungefähr empfiehlt Frederic Laloux (Siehe Videoempfehlung), der Autor von „Reinventing Organisation“, den ich sehr schätze, Geschäftsführenden erst einmal eine Form der persönlichen, coachenden Begleitung, in der sie die oben genanten Fragen für sich beantworten. Diese Fragen beantworten sich oft nicht von selbst. Und in ihrer Antwort liegen ganz viele Lösungen und ganz viel Energie für den Weg in die Selbstorganisation.


Was brauchen Mitarbeiter*innen, um Selbstorganisation leben zu können?


Selbstorganisation braucht einen Rahmen, ein Feld, in dem neue Regeln und Arbeitsweisen vereinbart werden. Immer und immer wieder. Denn es geht um die stetige Anpassung an eine sich stetig wandelnde Welt und sich stetig verändernde Menschen. Und es braucht jemanden, der diesen Raum hält, um diese Arbeit für alle im Unternehmen möglich zu machen. Und um nicht in alte Verhaltensmuster zurück zu fallen.


Es wird jemand gebraucht, der an die bestenfalls gemeinsamen entwickelten Ideen, Werte und Regeln erinnert. Und auch ermöglicht, diese zu hinterfragen. Und es reicht nicht dafür eine Form von Coach oder Trainer einzustellen. Mitarbeitende spüren sehr schnell, ob sie einer Botschaft trauen können - diese also „von oben“ mit gelebt wird - oder nicht. Die mögliche Skepsis von Mitarbeitenden dieser neuen Form des Miteinanders ist wichtig und wertzuschätzen.


In meinen Seminaren freue ich mich immer besonders über die kritischen Stimmen und die hochgezogenen Augenbrauen. Denn sie geben mir die Möglichkeit, meine Ideen noch einmal deutlicher zu erklären, andere Perspektiven einzunehmen und sie damit anderen noch näher zu bringen. Und sie weisen mich auf meine eigenen blinden Flecken hin und führen womöglich zu einer noch besseren Lösung.


Veränderung findet nur statt, wenn es Raum und die Erlaubnis dafür gibt. Und dieser Prozess bedarf der Reifung oder Entwicklung jedes einzelnen Individuums im System. Und zu allererst der Unternehmensführung. Denn wenn diese um die eigenen Schwierigkeiten mit der eigenen Selbstorganisation (oder ganz banal dem eigenen Mensch sein) weiß, ist es für sie leichter, Verständnis für Mitarbeitende zu haben und noch bessere Hilfestellung zur Selbstorganisation zu geben und diese Haltung auch in herausfordernden Situationen zu bewahren (und nicht bei Schwierigkeiten in die alten Muster zurück zu fallen).


Was brauchen Unternehmer*innen um Selbstorganisation einzuführen?


Unternehmenskulturarbeit ist ein immer währender Prozess. Neue Menschen kommen ins Unternehmen, andere gehen. Alle kommen mit einer eigenen Wertevorstellung, eigenen Erfahrungen und eigenen Entwicklungspotentialen. Jeder ist auf einem individuellen Weg. Und dieser Weg verändert sich stetig.


„Change is a constant process. Stability is an illusion.“ (Steve de Shazer)


Wenn ich in Arbeitsprozessen oder Auftragsklärungen an den Punkt komme, dass Selbstorganisation ein stetiger Prozess ist, wenn wir feststellen, dass es nicht mit ein paar Seminaren, der Festlegung von neuen Regeln und Prozessen getan ist, springen viele innerlich ab.


Der Grund dafür ist in meinen Augen, dass wir gelernt haben, erfolgsorientiert in abgeschlossenen Projekten zu denken und natürlich auch, dass wir Anstrengung, Konflikte und den Blick auf eigene Themen vermeiden wollen (möglicherweise). Etwas, was ein Leben lang (aus-) geübt werden muss, scheint uns manchmal sinnlos oder unerreichbar. Auf jeden Fall zu mühsam.


Selbstorganisation ist - wie Agilität - keine Maßnahme, die man einführt wie einen neuen Prozess oder eine neue Maschine. Wer Menschen, Gefühle, Lebensplanungen, Werte und die Suche nach dem Sinn des Lebens und die damit verbundene Entwicklungsarbeit - auch mit sich selbst - scheut, der sollte Selbstorganisation nicht einführen.


Es gehört viel Mut dazu, neue Wege zu gehen. Und ja, neue Wege beinhalten auch Risiken.

Selbstorganisation ist eine Haltung. Eine Entscheidung für ein lebenslanges WIE wegen eines starken WARUMs. So wie wir uns zum Beispiel für ein Kind, eine Freundschaft oder eine lebenslange Partnerschaft mit einem Menschen entscheiden. Oder wie wir uns dazu entscheiden, ein nachhaltigeres Leben mit einem kleineren ökologischen Fußabdruck zu führen. Je besser wir uns selbst kennen, in Frieden mit unseren Themen und uns selbst gewogen sind, uns selbst verzeihen können, unsere eigenen Werte kenne, um so mehr können wir unser Gegenüber so nehmen, wie er*sie ist. Erst dann können wir bei Herausforderungen in unserer Haltung bleiben und an den Werten der Selbstorganisation festhalten.


Wenn wir als Führungskräfte bei Schwierigkeiten wieder zurück in alte Muster verfallen, kann auch der noch so sorgfältig gepflanzte Samen von Selbstorganisation nicht aufgehen.

Ein Beispiel:

Wenn eine Mitarbeiter*in zu mir als Führungskraft oder Unternehmensführung kommt und um meinen Rat oder meine Entscheidung bittet, kann es sein, dass ich mich versucht fühle, eine Antwort zu geben, ihr die Sache aus der Hand zu nehmen oder eine Entscheidung zu treffen. Das habe ich ja genau so jahrelang gemacht. Und ich will meinem Gegenüber ja auch weiterhelfen. Im Rahmen von Selbstorganisation wäre meine Aufgabe jedoch, auf die eigenen Kompetenz, die gemeinsam gefundenen Regeln zur Problemlösung und gegebenenfalls beratende Kolleg*innen hinzuweisen. Auch wenn ich möglicher Weise die aktuelle Situation schneller im „alten System“ klären kann, so vernachlässige ich damit die Möglichkeit meiner Mitarbeitenden, in die Selbstorganisation hineinzuwachsen.


Ich muss mich also stetig selbst beobachten, ob auch ich den Rahmen von Selbstorganisation einhalte. Frederic Laloux hat wunderbare Videos zu dem Thema veröffentlicht (siehe unten, sehr empfehlenswert) und er empfiehlt Geschäftsführer*innen sich ein paar Vertraute im Unternehmen zu suchen, die einen immer wieder auf die eigenen Abweichungen und blinden Flecken hinweisen.


„Es gehört oft mehr Mut dazu seine Meinung zu ändern, als ihr treu zu bleiben.“

(Friedrich Hebbel)

Wenn ich als Unternehmer*in den Raum für Selbstorganisation schaffen will, dann muss ich verstehen, wie Menschen funktionieren. Und das lerne ich unter anderem dadurch, dass ich mich mit mir selbst und meinen Themen beschäftige. Liegt bei mir ein Thema im Dunkeln, zum Beispiel mein Verhältnis zu meinen vielleicht sehr strengen Eltern oder mein Glaubenssatz, dass jemand der krank ist, sich gehen lässt, ist es wahrscheinlich, dass ich diese Themen auch mit anderen in Verbindung bringe. Das kann dazu führen, dass ich in Krankheit bei mir selbst und anderen Schwäche sehe und diese übergehe, nicht beachte oder gering schätze.


Wenn ich meine eigenen Themen erkenne, muss ich sie nicht auf andere Menschen oder Situationen projizieren und kann mich frei entscheiden wie ich denken und handeln möchte.


Gründe, warum man Selbstorganisation einführen möchte


Oft liegen die Gründe Selbstorganisation in Unternehmen einzuführen ganz tief im Selbst der Unternehmer*in. Vielleicht möchte man ein gesünderes Miteinander im Unternehmen schaffen, nachhaltigere oder sinnvollere Produkte gestalten. Man möchte Teil der Lösung sein, anstelle Teil des Problems. Vielleicht möchte man sich auch einfach eine Umgebung schaffen, in der man selbst schon immer arbeiten wollte. Das heraus zu finden kann ein erster großer Schritt auf dem Weg zur Selbstorganisation sein.

Wenn wir uns über unsere Werte ausgetauscht haben und wenn wir wissen, WIE wir zusammen arbeiten wollen (und dass wir das wollen) ist die Wahrscheinlichkeit ein gesundes und zufriedenes, ausgefülltes Leben zu führen sehr, sehr viel höher.


Wenn Du das alles interessant findest und dazu mit mir im Rahmen eines Kennenlernens sprechen möchtest, melde Dich gerne bei mir: sr@simonerichter.eu


Welcome home,

Simone


Worterklärung:

*Trigger: Trigger sind Auslöser, die Dich ein an eine oft seelische oder körperliche Verwundung aus der Vergangenheit erinnern. Das ausgelöste Gefühl ist also streng genommen ein Gefühl aus der Vergangenheit, an welches durch einen Trigger im Jetzt ausgelöst wird.


Videoempfehlung:

Frederic Laloux, "It's a personal journey."





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