Der letzte Tropfen. Wie voll ist eigentlich Dein Glas?

Updated: May 1

„Sag mal, spinnen die denn? Schon wieder ein Artikel über „Resilienz“? Jetzt soll ich neben meiner beruflichen und privaten Belastung, dem Home-Schooling und der ganzen kaxk - scxxß Situation auch noch was über Widerstandskraft lernen? Hab ich nicht schon genug zu tun? Ich hab keine Kraft mehr. Noch besser werden? Spinnen die denn? Ist es irgendwann mal genug???


(Trigger Warnung: Dies ist ein Artikel über Resilienz. Lies nur weiter, wenn wenn Lust und freie Kapazitäten hast. Ansonsten klick weg, schalte den Computer oder das Handy aus und tu Dir was Gutes.)

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Und da war er wieder, der letzte Tropfen, der mein Aushalte-Fass zum überlaufen brachte. Das letzte bisschen Anstrengung, Ärger, Frustration oder Traurigkeit, welches mich völlig aus Bahn warf. Und immer wieder scheint diese Überwältigung, diese Müdigkeit und Schwere wie aus dem Nichts zu kommen.


Wie kann das sein? Wie kommt es, dass wir oft nicht mitbekommen, wenn wir gerade den letzten Schluck aus unserem Energie-Glas nehmen. Und was können wir tun, um dieses Glass immer schön gefüllt zu halten? Selbst im Auge des Sturms. Denn das ist möglich.

(Wie gesagt: Wenn wir gerade Kapazitäten dafür haben. Ansonsten ist es erst einmal wichtig, die Energiereserven wieder aufzufüllen! Und eigentlich ist das auch schon ein sehr resilientes Verhalten.)


Resilienz - als Buzzword

Resilienz taucht sein neustem in vielen Gesprächen, Podcasts, TV-Shows und nun auch in Trainings in Unternehmen auf. Man hört es so oft, dass es schon fast nervt. Denn, was soll das schon sein, dieses Ding, was uns alle auf Anhieb wieder funktionieren machen soll.

"Ich will aber nicht funktionieren", höre ich meinen rebellischen Anteil sagen. "Ich will einfach nur in Ruhe gelassen werden" und "Wann ist alles verdammt nochmal endlich wieder wie vorher?!"


Resilienztrainigs können wunderbar sein. Und es ist wichtig, dass sie zur rechten Zeit kommen. Also am besten VOR dem Sturm. Und ja, sie können auch im Auge des Sturms hilfreich sein. Wichtig ist, dass jede und jeder Einzelne gut nachspürt, ob gerade genug Energie vorhanden ist, um sich auf etwas Neues einzulassen.

Resilienz ist individuell. In meinen Augen und aus meiner Erfahrung in Workshops und Einzelcoachings ist es wichtig, auf die individuelle Situation und die individuellen Bedürfnisse meiner Kund*in einzugehen.

Versuch mal festzustellen:

  • Brauche ich gerade ein Ohr das zuhört, ganz viel Zeit für mich selbst oder was ganz anderes?

  • Nimmt oder gibt es mir Energie wenn ich ein Telefonat mit meinem Besten Freund führe oder bin ich danach nur noch maximal in der Lage platt auf dem Boden zu liegen?

  • Wo zum Teufel hab ich die kleinen Energie-Reserve Pakete abgelegt?


Ob gerade genug Kraft vorhanden ist, um in einer Krise selbst noch an der eigenen Stärkung zu arbeiten, kann nur die Kund*in von einem Moment zum anderen feststellen.

Und das ist schon die erste hilfreiche Übung. Wie bin ich present mit dem, was ich gerade brauche?


Was ist anders als sonst?


In der aktuellen Situation kommen Schwierigkeiten und Konflikte, die wir ansonsten gut geregelt - oder gut unterdrückt - bekommen, an die Oberfläche. Wie ein kleiner (oder auch mal großer) nerviger Kobold zwickt und zwackt uns die andauernde schwierige Situation. Normaler Weise bekommen wir den Alltag inklusive der in unserem Leben angesammelten Themen und Traumata gut geregelt. Auch wenn die Arbeit stressig ist, der Partner launisch wird oder die Kinder einen gerade ganz stark brauchen. Kommt jedoch eine weitere Belastung hinzu ist die Wahrscheinlichkeit groß, dass wir über Kurz oder Lang auf dem Zahnfleisch gehen und schlimmsten Falls zusammen brechen.


In einer solchen Phase haben wir weniger körperliche und mentale Energie und sind dadurch weniger belastbar in Berufs-und Privatleben. Das ist ganz normal. Stell Dir vor, dass Du zusätzlich zu Deinem normalen Gewicht - Deinen alltäglichen Belastungen - einen 25kg schweren Stein vor dir her trägst. Alles wird schwerer und schwerer, je länger Du diesen Stein trägst. Und irgendwann bist Du ganz außer Puste.


Wer gut trainiert ist, also wer seine Themen und Traumata generell schon gut bearbeitet hat, tut sich mit diesem zusätzlichen „Gewicht“ leichter.


Gut zu wissen ist: Resillienz - also die Widerstandskraft in Krisensituationen - ist lernbar.


Und die noch bessere Nachricht: Auch wenn du jetzt aktiv nichts tust, wirst Du nach JEDER Krise, die Du überlebst, stärker sein, resilienter sein, und alle nachfolgenden Krisen werden Dir leichter fallen. Toll, oder? (Ich nehme an, Du findest bereits jetzt Belege dafür in Deinem Leben, oder?)


Sei aufmerksam wo Du gerade bist


Wenn wir uns vorstellen, dass wir gerade auf einem untergehenden Schiff auf hoher See sind und und wir alle Sinne beisammen halten müssen, um nicht mit dem Schiff unterzugehen, dann macht es gerade Sinn, manche Dinge nicht zu spüren. Wenn wir dann irgendwann den Hafen erreicht haben, kann es noch eine ganze Zeit dauern, bis wir wieder uns spüren und manchmal vor körperlicher und emotionaler Erschöpfung zusammenbrechen. Erst nach und nach kommen wir wieder zu Kraft, die uns helfen kann, das Erlebte zu verarbeiten. Manchmal muss diese Kraft von außen kommen, oft kommt sie von innen.


Und wenn es darum geht an der eigenen Widerstandskraft zu arbeiten, dann ist es wichtig zu wissen, wo ich mich gerade in dieser Geschichte befinde. Den Anruf meiner Freundin, die gerade Liebeskummer hat, werde ich auf dem untergehenden Schiff wohl eher nicht beantworten. (Tue ich natürlich doch manchmal, was dann zu den Situationen des „maximal platt auf dem Boden liegen“ führt.)


Elemente von Resilienz


Die Möglichkeiten, an Deiner eigenen Widerstandskraft zu arbeiten sind zahlreich. Du kannst auf die Reise zu Dir selbst gehen und Dich nach und nach besser kennen lernen. Je mehr Du über Dich weißt, um so besser kannst Du mit deinen Energien haushalten. Du kannst auch alte Themen bearbeiten. Denn das wunderbare an der (anstrengenden) Bearbeitung alter Themen ist, dass Du danach mehr Kraft zur Verfügung hast, die Du für schönere Zwecke verwenden kannst. Zum Beispiel dafür, einen weiteren Schritt auf Dein perfektes Leben zu zugehen.


Kleine Lösungsansätze für zwischendurch


Wichtig: Du musst nicht aktiv an Deiner Resilienz arbeiten, wenn Du nicht willst. Krisen machen uns stärker. Ob wir wollen oder nicht. Wenn Du Lust, Energie und Zeit hast, kannst Du Dir ja mal 15 Minuten Zeit nehmen, um über diese Fragen nachzudenken oder nachzuschreiben:


1) Standortbestimmung - „Wie voll ist mein Energie-Glas*“

Wie voll ist Dein Energieglas? Ist es noch halb voll oder hast Du gestern bereits den letzten Schluck genommen? (Wenn dem so ist: Wie schaffst Du es gerade, auch noch diesen Artikel zu lesen??? Geheime Kraftreserven oder Energie auf Pump??)


2) Wie funktioniert mein Energie-Glas?

Vielleicht findest Du heraus, welche Tätigkeiten, Kontakte, Verhaltensweisen, Impulse - Dein Glas füllen und welche es entleeren. Gibt es etwas, was einen großen Schluck benötigt? (Zum Beispiel nicht auszuflippen, wenn die nächste Runde Homeschooling ansteht und die geliebten Kinderlein oder die Partner*in… na Du weißt schon. Oder sich zu trauen, jemanden anzurufen, wenn wir uns alleine fühlen.) Gibt es etwas was Dein Glas in null-komma-nichts wieder auffüllt? (Eine Liebeserklärung, ein unverhoffter Anruf von einem alten Freund, ein gutes Buch, Musik oder das Lieblingsessen.) Wenn Dir etwas einfällt, male oder schreibe es auf, so dass Du Dich von Zeit zu Zeit daran erinnern kannst.


Manchmal empfehle ich Menschen mit denen ich arbeite sich 3 Dinge auszudenken, die sie sofort umsetzen können und die sie umgehend in bessere Laune oder mehr Energie versetzen. Wichtig ist: Diese Dinge müssten (fast) kostenfrei und ohne die (direkte) Beteiligung eines weiteren Menschen zu ermöglichen sein. Und ja, sie können wie ein Erste-Hilfe-Kasten vorbereitet werden.


Als Beispiel hier meine 3 schnellen Helfer:

  1. Fernsehen im Bett, so lange bis mir langweilig wird

  2. Ein köstliches Nutella-Brot. Ok. 2 sind auch gut.

  3. Musik hören, die ganz auf mein Gefühl abgestimmt ist, so dass ich mich mehr spüre. Vielleicht sogar tanzen.

3) Lernen aus Deiner Kompetenz

Wann war Dein Glas zum letzten Mal so richtig voll war. Was war da anders? Was hast Du anders gemacht? Was kannst Du heute noch tun, um Dein Glas wieder etwas aufzufüllen?

Lass von Dir hören, wenn Du Lust hast, daran zu arbeiten, wie Dein Glas noch voller sein könnte, wenn Dein Glas schon fast leer ist oder wie Du Dein Glas stets gefüllt hältst und es manchmal sogar zum überfließen bringst.


Welcome home, Simone

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*Energie-Glas Metapher: Mir ist es wichtig der "Energie-Glas" Metapher hinzuzufügen, dass viele von uns denken: "Och, ich hab ja noch ein halbes Glas. Das soll wohl reichen. Da geht noch was". Das Ziel soll sein, dass Dein Glas zu jedem Zeitpunkt ganz gefüllt ist. Und für den Fall, dass Du jemand bist, der gerne anderen von seiner Energie abgibt: Erst wenn Dein Glas überfließt, können andere gesunde Energie von Dir empfangen. Gibst Du etwas aus Deinem nicht vollen Glas nimmst Du einen waghalsigen Energie-Kredit auf. Achte gut auf Dich.

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